Link to the Show / Show NotesDie erste Generation verdient das Geld,
die zweite verwaltet das Verm?gen,
die dritte studiert Kunstgeschichte,
und die vierte verkommt vollends...
- Otto Eduard Leopold von Bismarck-Sch?nhausen
Wenn man ?ber die ganze Trag?die der aktuellen wirtschaftlichen Situationnachdenkt, ist es dabei interessant zu beobachten, wie schnell sich die Zeiten?ndern. Wir schreiben gerade das Jahr 2005. Vor nicht allzulanger Zeit, umgenau zu sein vor ca. f?nf Jahren, da waren Dinge wie ALG 2,"Montagsdemonstrationen", Hartz IV, Agenda 2005 und ?hnliches noch Fremdw?rter.
Es wurden rauschende Parties gefeiert, Champagner flo? in Str?men - undJobprobleme gab es nicht. Und man behaupte jetzt bitte nicht, da? dies nureinige wenige gl?ckliche Informatiker betraf. Ich m?chte nicht wissen, wievieleansonsten arbeitslose Kulturwissenschaftler pl?tzlich als Account Manager inirgendwelchen Agenturen unterkamen und wieviele miese Germanisten zuWirtschaftsfachjournalisten bei Zeitungen wurden, die mit"E-"oder"Net-"anfingen.

Vor Augen halten sollte man sich aber: All dies ist aber nur f?nf Jahre her.
Wenn man sich das"aktuelle Stimmungsbild der Bev?lkerung"ansieht (werauch immer das aufstellt), dann k?nnte man meinen, Deutschland bef?nde sichbereits seit ?ber 30 Jahren in einem tiefen Tal der Trauer.
Dies h?ngt aber nicht nur mit der wirtschaftlichen Situation zusammen, sondernauch damit, wie es dazu kam, da? momentan reihenweise Leute aus dem Studium indie Arbeitslosigkeit fallen.
Ich bin in Berlin-Zehlendorf aufgewachsen. Das ist ein netter, gr?ner Bezirk imS?dwesten Berlins, der zu gro?en Teilen von Bewohnern bev?lkert wird, die der"gehobenen Mittelschicht"zugeh?rig sind. Wohlgemerkt, Zehlendorf ist NICHT dasDahlemer Villenvirtel. Nat?rlich gibt es auch hier einige Villen mit tausendenQuadratmetern Grund - h?ufig schlau in Zeiten der Chrustschow-Krise f?r einenApfel und ein Ei gekauft.
Aber im gro?en und ganzen sind die Bewohner eher aus der typischen FraktionApotheker-Anw?lte-?rzte, gehobene Beamte oder auch mal einige K?nstlerzuzuordnen. Und ?brigens fast alles Einzelverdienerhaushalte.
Viele haben zwei Kinder, haben sich ?ber die Jahre ein kleines Haus oder eineEigentumswohnung finanziert und leben in wirtschaftlich abgesichertenVerh?ltnissen. Gro?e Autos wurden meist nicht gekauft, der Passat oder der GolfKombi war das Auto der Wahl. Schon einen Mercedes sieht man seltener, S-Klassenoder gar Ferrari stehen h?chstens in der Garage von Einzelnen. Der eine oderandere leistete sich auch mal ein kleines Boot auf dem Wannsee, aber alleshielt sich sehr in Ma?en. Man drehte nicht jeden Cent zweimal um, aber das Geldwurde auch nicht sinnlos ausgegeben.
Oft sprang auch noch soviel bei raus, da? den Kindern fast alle W?nsche erf?lltwerden konnten, vom fast obligatorischen F?hrerschein zum 18. Geburtstag bishin zur freien Studienwahl inklusive Finanzierung.
Sicherlich, es gibt auch Ausrei?er.
Der achtstellige Millionenbetr?ge schwere Grundbesitzer, der so knauserig war,da? seine Frau Haushaltsgeld bekam und die Tochter im Supermarkt an der Kassesitzen mu?te, um sich ihr Taschengeld aufzubessern. Sein Geld hat ihm ?brigensbei seinem Herzinfarkt auch nicht weitergeholfen.
Oder der Sohn, der nach einigen gewagten und eher halbseidenenImmobilienprojekten den Wohnsitz fix nach Kanada verlagern mu?te, damit hiernicht die Handschellen klicken. Was ihn aber nicht davon abh?lt, seinen Bruderhier regelm??ig mit den neuesten Porsche-Modellen zu versorgen. Wie hei?t esschon bei Bert Brechts Mahagonny? Nur wenn man insolvent ist, wird manhingerichtet. Betrug ist dagegen kein Grund.
Diese Leute findet man in Zehlendorf ebenfalls, aber nur sehr vereinzelt. DerGro?teil der - wie sie die SPD nennen w?rde - Besserverdienenden ?berwiegt.
Das interessante an dieser Betrachtung sind aber nicht die Eltern, sondern dieKinder, sprich meine Generation. Die wird es n?mlich sehr schwer haben, alleinnur den bisherigen Lebensstandard zu halten, den sie w?hrend des Studiums dankder Finanzierung von Mami und Papi hatten.
Eines des Handicaps, welches die Kinder durch dieses sorglose Aufwachsen dieWiege gelegt bekamen, ist die M?glichkeit zur v?llig freien Entscheidung,welchen Berufsweg sie sp?ter mal gern einschlagen w?rden. V?llig freieEntscheidung ist doch gut, h?re ich da den einen oder anderen aufschreien? Readon, my dear.
BWL, Jura und Medizin wurden zwar ab und zu gern gesehen, aber von nahezukeinem Elternteil nachdr?cklich eingefordert.
Allgemeine und vergleichende Literaturwissenschaften? Toll! Sozialp?dagogik?Klasse. Gender Studies? Das ist ja interessant! Sinnologie, Psychologie undIndologie? Wie weltoffen.
Sehr weltoffen. Leider aber h?ufig v?llig unbrauchbar im Berufsleben, wenn mansich nicht gerade f?r eine universit?re Karriere entscheidet, f?r dieeinerseits nicht jeder sonderlich geeignet ist und in der andererseits dieC4-Stellen auch nicht gerade dicht ges??t sind.
Sichrlich finden sich viele Gr?nde, lieber Geisteswissenschaften zu studierenals die Anwaltskanzlei des Vaters zu ?bernehmen. Aber besonders weit gedachtist es nicht. Das wird der eine oder andere nach ?ber 150 erfolglosenBewerbungen w?hrend des Jobbens im Cafe im PrenzlauerBerg in einer ruhigen Minute auch schon festgestellt haben.
Interessanterweise waren gerade die Leute am schnellsten mit dem Studiumfertig, die am wenigsten Geld von ihren Eltern erhalten haben. Der Rest bewegtsich langsam aber sicher in zweistelligen Semesterzahlen.
Einige haben Gl?ck gehabt. Der eine wurde Lehrer und sieht einer sicherenBeamtenkarriere entgegen. Die andere hat Pech: hochintelligent, fertigausgebildete ?rztin - und findet keinen Job. Jetzt denkt sie ?ber Ausland nach.Brilliant, wie der Staat erst Millionen in die Ausbildung steckt und die Leutedann mehr oder weniger wegschickt. Aber gut, weg von der VWL, zur?ck zu Thema.
Auch ich hatte seinerzeit aufgrund diverser k?nstlerischer F?higkeiten, die mirin die Wiege gelegt wurden, dar?ber nachgedacht, etwas im musikalischen Bereichzu machen - und mich dann dennoch zugunsten einer T?tigkeit"in derWirtschaft"(wie man so sch?n sagt) entschieden. Ich habe die Pl?ne seinerzeitsimpel und einfach wegen der Berufsaussichten wieder verworfen. Eine weise Wahlim Nachhinein.
Der eine oder andere mag jetzt sagen: Wie desillusioniert.
Ich sage: Wie weitsichtig.
Den oben genannten Eltern w?re es nie eingefallen, bei wiederum ihren Elternmit Studienw?nschen anzukommen, deren - vorsichtig formuliert - beruflicheVerwirklichung mehr als fragw?rdig ist. Oder zumindestens stark vom Zufallabh?ngt.
Von dieser zugegebenerma?en nicht ganz freien Entscheidung profitierten dannjedoch nicht nur die Eltern, sondern eben genau die Kinder. Nur offensichtlichhaben sie nicht sehr viel davon gelernt. Wie ich bereits erw?hnte: Es wird f?rviele schwer, ihren bisherigen Lebensstandard zu halten - geschweige denn,ihren Kindern ?hnliches zu bieten, was ihnen selbst widerfuhr.
Ich bin gespannt auf die Zeit in 10 Jahren. Vielleicht sitzt dann der eine oderandere ?ber seinem ALG 5-Bescheid und hofft auf das Erbe des Hauses seinerEltern. Und da waren doch auch noch ein paar Wertpapiere bei der Bank ...
Goldene Zeiten nahen.
[Diesen Artikel als Podcast h?ren|Podcast-Feed bei iTunes abonnieren]