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Müllabfuhr und Maibäume, Klöster, Skat und Schimpfwörter. Hier finden Sie Radioreportagen zu bunten Themen aus dem deutschen Alltag. Hören Sie die Audiodateien und lesen Sie die Manuskripte.Primary Format :
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Trautes Heim
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 Trautes Heim
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Sprecherin: Eigentlich hatte Uli gar nichts dagegen, nach Köln zu ziehen. Im Gegenteil, nach dem idyllischen Freiburg freute er sich auf die liebenswerte Metropole am Rhein. Und er hatte auch schon eine genaue Vorstellung von seiner Traumwohnung: mindestens 80 qm groß, zwei bis drei Zimmer, Balkon oder Dachterrasse, Badewanne und natürlich ruhige Innenstadtlage.
Sprecher: Uli sucht seine Traumwohnung: Sie soll so schön sein, wie er es sich in seinen Wunschträumen vorstellt. Es gibt auch die Traumfrau, den Traummann, das Traumziel im Urlaub, usw. Wenn sich Uli bei seiner potentiellen Traumwohnung nach dem Mietpreis erkundigt, muss er beachten, ob es sich um Kalt- oder Warmmiete handelt: Bei der Kaltmiete werden Nebenkosten wie Heizung, Wasser und Gas noch aufgeschlagen, bei der Warmmiete sind sie bereits enthalten.
Sprecherin: Werfen wir einen Blick in die lokale Zeitung:
- Zitat:
"Exklusive 2-Zimmer Wohnung in extravagantem Neubau, 77qm an solvente Einzelperson, Nichtraucher. Drei Monatsmieten Kaution plus Courtage, Penthouse im Herzen von Köln, hochwertige Ausstattung, Aufzug, 50 Quadratmeter." / "Liebenswerter Altbau in zentraler Lage in Quadrath-Ichendorf, 82qm, von privat."
- Telefon "Guten Tag, ich rufe wegen Ihrer Anzeige an. Ist die Wohnung noch zu haben?"
Sprecherin: Während Uli Kirchhofer sein Glück in Quadrath-Ichendorf versucht, studiert Anja Mesenholl eifrig die Wohnungsanzeigen. Sie wohnt schon seit 1987 in Köln. Nach 14 Jahren will sie ihre Studentenbude endlich gegen ein größeres Domizil tauschen.
- O-Ton:
"Ich sitze jetzt nicht auf heißen Kohlen, aber ich würde schon ganz gerne aus dieser kleinen Schuhschachtel hier mal ausziehen und mir etwas Größeres suchen; zwei gleich große Zimmer und eine schöne gemütliche Küche, wo man sich richtig mit Freunden an den Tisch fleezen kann und auch mal nett zusammen kochen kann, also 'ne Wohnküche sollte es sein. Balkon wäre schön, muss aber nicht sein. Ich würde es in Kauf nehmen, wenn die Wohnung keinen Balkon hat, aber 'ne Badewanne sollte sie schon haben. Ich hab' mir vor kurzem mal eine Wohnung angeguckt, 'ne 2-Zimmer-Wohnung, die hat sich dann aber leider als ein ziemlich dunkles Loch entpuppt."
Sprecher: Weder eine Studentenbude noch eine Schuhschachtel sind also Traumwohnungen, sondern viel zu kleine Behausungen. Das Wort Bude kommt vom mittelhochdeutschen buode, vom Bauen, und bedeutet ursprünglich Hütte. Bude steht im allgemeinen Sprachgebrauch aber auch für Wohnung oder Zimmer. Eine Bruchbude ist demnach eine ziemlich heruntergekommene Wohnung. Wer Leben in die Bude bringt oder die Bude auf den Kopf stellt, ist ein recht unterhaltsamer Zeitgenosse, der garantiert keine Langeweile aufkommen lässt. Wenn so ein Mensch einem aber zu oft auf die Bude rückt, dann bedeutet das, dass sein Besuch lästig wird. Früher rückte man jemandem auf die Bude, wenn man ihm eine Aufforderung zum Säbel- oder Pistolenduell zukommen lassen wollte. Heute würde sich solch ein Anliegen natürlich als Scherz entpuppen, das heißt, es wäre ganz anders gemeint, als man zunächst vermuten würde. Der Ausdruck entpuppen stammt aus der Insektenwelt; wenn sich die Made in einen Kokon einspinnt, nennt man das verpuppen. In neuer Gestalt - als Schmetterling - taucht sie dann nach einiger Zeit wieder auf. Dass sich die Wohnung, die Anja sich angeschaut hat, als dunkles Loch entpuppte, wo sie doch helle Räume erwartete, nimmt sie nicht in Kauf. Das bedeutet, sie findet sich nicht mit diesem Nachteil ab, obwohl die Wohnung über eine von ihr so heiß begehrte Badewanne verfügt. Diese Redewendung stammt aus dem Handel: Verkäufer versuchten oftmals, begehrte Ware gemeinsam mit Schund loszuwerden. Der Kunde musste diesen Schund also in Kauf nehmen, wenn ihm die gute Ware das wert war. Gott sei Dank hat Anja ein Dach über dem Kopf und sitzt daher nicht auf heißen oder glühenden Kohlen: Sie hat es nicht so eilig, eine Wohnung zu finden. Und solange muss sie sich noch in ihrer jetzigen Wohnung am Küchentisch fleezen, sich also faul hinstrecken. "Fleez" hieß in Pommern die Tenne, und der Ausdruck spielt auf das ungehobelte Benehmen der Drescher an.
Sprecherin: n einem Kölner Park sitzt Monika Baum neben dem Kinderspielplatz und schaut ihrer Tochter zu. Vor kurzem hat die junge Frau sich von ihrem Freund getrennt, ist bei einer Freundin eingezogen und sucht nun für sich und ihr Kind eine eigene Wohnung.
- O-Ton:
"Ich hab ein bisschen Geld auf der hohen Kante, hab aber nicht gedacht, dass es so schwer ist, als allein erziehende Mutter ein Wohnung zu finden. Also, die meisten Vermieter mögen lieber Menschen mit Hunden als Frauen mit Kindern. Und allein erziehend bedeutet halt auch oft, dass das Einkommen nicht geregelt ist, und da musst du dem Vermieter ganz schön zu Kreuze kriechen, damit Du eine Wohnung bekommen kannst. Es fuchst mich total, dass ich als allein erziehende Mutter so schlechte Karten habe, bin auch schon von Pontius zu Pilatus gelaufen, um eine Wohnung zu kriegen."
Sprecher: Monika hat Geld auf der hohen Kante, sie hat etwas gespart. Früher hat man Geldmünzen oftmals hoch oben auf einem Regal deponiert. Sie wurden hoch gestellt - daher die hohe Kante. Es fuchst Monika, es ärgert sie, dass Vermieter lieber keine allein erziehenden Mütter nehmen. Der Ausdruck etwas fuchst mich hat nichts mit dem Fuchs zu tun, sondern mit dem alten Wort fucken, also unruhig sein, reiben beziehungsweise sich an etwas reiben, nämlich sich ärgern. Monika muss zu Kreuze kriechen, sie muss sich demütigen. Im Mittelalter verlangte die Kirche am Karfreitag von den Gläubigen, auf den Knien zum Kruzifix zu kriechen. Wer von Pontius zu Pilatus läuft, rennt erfolglos herum. Die Redensart stammt aus der Leidensgeschichte Christi, der von einer Instanz zur anderen und wieder zurück geschickt wurde. Pontius und Pilatus sind zwar ein und dieselbe Person, aber die Vorliebe für den Stabreim hat die Redewendung so eingebürgert. Und wer im Spiel, oder auch im übertragenen Sinne im Leben, schlechte Karten hat, verliert natürlich.
- O-Ton:
"Guten Tag, Kirchhofer mein Name. Wir hatten telefoniert, ich komme wegen der Wohnung." / "Ja, kommen Sie rein, schauen Sie sich nur um. Haben Sie die Bankauskunft dabei?"
Sprecherin:
Uli Kirchhofer hat sich mittlerweile die Wohnung in Quadrath-Ichendorf angeguckt. Die Anzeige klang so vielversprechend.
- O-Ton:
"Da stand 'zentrale Lage', aber zentrale Lage von was?! Ich kenn' mich ja in Köln nicht aus. Das war irgendein Vorort, da kriegen mich keine zehn Pferde hin. Und von wegen 'liebenswerter Altbau', das war eine heruntergekommene Baracke. Nein danke."
Sprecherin: Uli hat sich jetzt entschlossen, seine Traumwohnung per Mausklick im Internet zu suchen. Vorbei die ständigen Hotelkosten in Köln, das ungeduldige Warten auf die druckfrische Zeitung mit den aktuellen Wohnungsannoncen, Schluss mit dem lästigen Durchforsten kleingedruckter Anzeigenkolonnen? Vergangenheit der neugierige Blick auf vorhanglose Fenster und parkende Umzugslaster beim Spaziergang durchs Lieblingsviertel? Die Traumwohnung mittels World Wide Web?!
- O-Ton:
"Da war ich wohl etwas zu optimistisch. Ich hab' mehrere www-Adressen für Wohnungsvermittlung getestet. Da sollte man dann die Stadt, die gewünschte Zimmerzahl eingeben, Sonderwünsche wie Balkon ankreuzen und dann noch den Preis angeben, den man maximal pro Monat zu zahlen bereit ist. Das war ein totales Fiasko. Meistens kam die Meldung: Keine Daten gefunden. Ein Angebot hatte der Computer für Köln - in Quadrath-Ichendorf..."
Sprecher: Wenn Uli die Anzeigen durchforstet, mustert er die unpassenden aus. Er will ja kein Fiasko erleben, er will nicht scheitern. Fiasko ist das italienische Wort für Flasche. Und in Italien war es lange Zeit üblich, bei missglückten Theateraufführungen den durchgefallenen Sängern oder Schauspielern eine Flasche um den Hals zu binden. Übrigens nennt man auch in Deutschland eine Versager gerne eine Flasche.
Sprecherin: Anja ist noch nicht fündig geworden auf der Suche nach der Traumwohnung. Aber im Gegensatz zu Uli, der nach unzähligen Versuchen in der Zwischenzeit einen Makler beauftragt hat, ihm gegen eine Vermittlungsgebühr eine Wohnung zu suchen, lehnt Anja die professionellen Vermittler grundsätzlich ab:
- O-Ton:
"Makler ist einfach zu teuer, das muss wirklich nicht unbedingt sein. Ich hab mir vor zwei Wochen eine Wohnung angeschaut, die war nicht von schlechten Eltern, wirklich mit sehr schönen hellen Zimmern und einem geräumigen Balkon, aber da hab ich dann doch leider den Kürzeren gezogen gegen in verheiratetes Pärchen. Heute ist es doch am besten, wenn man Vitamin B hat und Freunde und Bekannte, die einem helfen, 'ne Wohnung zu finden, sonst über Zeitung alleine ist es schwierig."
Sprecher: Wenn etwas nicht von schlechten Eltern ist, dann lässt es nichts zu wünschen übrig. Auch eine Ohrfeige zum Beispiel kann nicht von schlechten Eltern sein, oder ein guter Wein; die Ohrfeige ist dann besonders kräftig und der Wein sehr lecker. Wer den kürzeren zieht, geht leer aus, er ist im Nachteil. Schon in der Antike war das Losen mit unterschiedlich langen Halmen üblich. Wer zu kurz kommt, der kommt bei einer Sache schlecht weg. Mit Vitamin B sollte man da mehr Glück haben. Vitamine sind bekanntlich gesund, und das "B" steht hier für Beziehung.
Sprecherin: Zwei Wochen später sitzt die allein erziehende Mutter, Monika Baum, wieder im Park:
- O-Ton:
"Wie es oft so geht im Leben, über Vitamin B hab' ich endlich meine Traumwohnung, die für mich erschwinglich ist, bekommen. Ich fühl' mich unheimlich glücklich; endlich nach einem halben Jahr Suche kann ich nun entspannt in dem Park vor meiner Wohnung sitzen und ein Bierchen schlürfen, und mein Kind spielt glücklich und zufrieden auf dem Spielplatz."
Sprecherin: Anja ist immer noch auf der Suche, aber Uli Kirchhofer hat - ebenfalls über Vitamin B - eine Wohnung gefunden. Eine Bekannte hatte von einer anderen Bekannten gehört, dass die Wohnung einer Bekannten frei würde: 100qm, abzüglich Schrägen, Innenstadt, Dachgeschoss, wunderschöner Ausblick über die Dächer von Köln. Nur einen Nachteil, räumt Uli ein, hat seine Traumwohnung:
- O-Ton:
"Nun ja, direkt vorm Fenster liegt eine Bahnlinie..."
Sprecher: Wenn Sie also Ihre Traumwohnung suchen sollten, durchforsten Sie nicht nur die Anzeigen, sondern erkundigen Sie sich auch bei Freunden und Bekannten. Vielleicht klappt‘s ja mit Vitamin B.
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